Offener Brief an die IT-Piraten

Es ist mir ein wenig peinlich, dass ich diesen offenen Brief hier veröffentliche, bevor ich einen ordentlichen PIRATEN-Blogeintrag geschrieben habe, aber sei’s drum!

Liebe IT-Piraten,

gerade wollte ich mich nach dem Datum eines Infostandes auf der Wiki erkundigen, aber ich wurde auf die Warnstreikseite weitergeführt. Okay. Ich habe mir die Seite durchgelesen. Und ich denke, ich kann euch nachvollziehen.

Wir hatten einen Deal: Wir halten euch den Rücken frei von Verwaltungskram und ihr macht gute Politik. Dieser Deal wurde einseitig gekündigt.

Gut, von dem Deal war mir nichts bekannt, aber ich denke mal, das liegt daran, dass ich noch recht neu bin. Der Deal macht aber prinzipiell Sinn und ich würde ihn auch unterstützen. In meiner kurzen Zeit bei den Piraten habe ich gelernt, dass Bürokratie und Verwaltung Unmengen an Zeit fressen, in der etwas getan werden könnte. Ich erkenne diese Zeitfresser als notwendiges Übel an und bin daher dankbar, dass sich die meisten Piraten nicht auch noch mit Server-Instanthaltung oder Ähnlichem auseinander setzen müssen. Daher möchte ich euch erst einmal großen Dank für eure Arbeit aussprechen.

In euren Punkten “Wir erwarten[...]” stimme ich euch soweit zu. Ich habe die Streitereien immer gemieden, da ich mir gedacht habe “Was soll das eigentlich?”, bzw. war eh meistens zu spät on, um bei laufenden Streitereien einzugreifen.
Politik und gerade Basisdemokratie sind in der Theorie super, doch in der Realität gibt es den menschlichen Störfaktor. Ich denke, die Probleme, die wir Piraten haben, sind mit Gründe dafür, warum die FDP keine Bürgerrechtspartei mehr ist und die Grünen nicht mehr basisdemokratisch sind. Doch wir haben die Werkzeuge, um etwas wie Basisdemokratie ernsthaft zu ermöglichen! Ob bei dem SPD-Basisentscheid alles mit rechten Dingen zuging, ist eine Glaubenssache. Aber wenn wir im Kreis, Land oder Bund Entscheidungen treffen und Stimmen auszählen, ist das so transparent wie keine andere Partei! Sicherlich gibt es auch bei uns hin und wieder Ungereimtheiten und einen kleinen Grad an Unfairness. Aber dass wir uns an solchen Sachen stoßen, zeigt uns doch, wie gut es uns bereits geht! Wenn wir, die Mitglieder der Piratenpartei, uns diese Tatsache öfter ins Gedächtnis rufen, könnte uns das schon um einiges in der Diskussionskultur voran bringen.

Nun wird’s etwas philosophisch: Ich schrieb, dass unserer Basisdemokratie-Theorie der menschliche Störfaktor in die Quere kommt. Was meine ich damit? Nun, Menschen handeln in vielen Bereichen im Leben egoistisch. Das meine ich nicht mal unbedingt abwertend. (Wikipedia:)

Egoismen (Plural) sind demnach Handlungsweisen, bei denen einzig der Handelnde selbst die Handlungsmaxime bestimmt. Dabei haben diese Handlungen zumeist uneingeschränkt den eigenen Vorteil des Handelnden zum Zweck. Wenn dieser Vorteil in einer symbiotischen Lebenshaltung zugleich auch der Vorteil anderer ist, dann sind diese Handlungen ethisch voll legitimiert.

Ich denke, wir sind zum Teil auch in der Politik Egoisten. Ich selbst bin da keine Ausnahme, bin ich doch zur Piratenpartei gekommen, weil ich Angst um *meine* Freiheit habe. Die Freiheit von beispielsweise über drei Millionen Menschen in Berlin oder tausender Kinder im Kongo ist auch wichtig, aber das war nicht, was mich zum Handeln bewegt hat. Das jeder frei sein sollte, ist zwar ein Gedanke, den sicherlich viele Menschen haben, aber damit zusammen denken sie (in Deutschland) bestimmt sehr oft “aber ich bin ja frei” und das lähmt ihre Handlungsbereitschaft.
Nun kommen also diese viele Menschen, von denen jeder einzelne sein eigenes Bild von idealer Politik hat, in einer Partei zusammen, in der ihm die anderen tatsächlich auch mal zuhören müssen, weil diese Partei basisdemokratisch ist. Natürlich stoßen da mal Meinungen und Überzeugungen aneinander. Daher:

mehr Akzeptanz für andere Meinungen

Dafür!

Mein Lob ist, denke ich, deutlich geworden. Nun kommen wir zur Kritik.
Ich schrieb, wir hätten die Werkzeuge, um Basisdemokratie zu verwirklichen.
Ein schönes Beispiel und mein neustes Tool in dieser Richtung ist Mumble. Wir können auf einfache Weise Telefonkonferenzen halten, sogar Podiumsdiskussionen. Wir ermöglichen, was in anderen Parteien einfach nicht möglich war und bisher immer noch nicht genutzt wird. Wir Piraten sind in dieser Richtung ein strahlendes Vorbild in der Parteienlandschaft, auch wenn wir von anderen nicht immer so wahrgenommen werden. Wir haben zum Teil sogar zuviele Möglichkeiten/Tools, aber ich bin sicher, dass wir da noch unser Allheilmittel entdecken/entwickeln werden ;-)
Diese Werkzeuge beruhen aber natürlich stark auf der IT-Infrastruktur, die ihr sonst pflegt und heute, dem 21.02.2014, im Prinzip komplett lahmgelegt habt. Ich denke, die Piratenpartei steht und fällt mit der IT-Infrastruktur, denn sie trägt viel zu unserer Transparenz bei. Das werdet ihr wissen, aber ich vermute, bis heute war es vielen anderen Piraten nicht bewusst. Viele, und das schließt mich nicht aus, werden jetzt etwas Sorge tragen, wie viel Macht innerhalb der Partei damit in euren Händen liegt. Einige, und da schließe ich mich explizit aus, werden – sobald es ihnen wieder möglich ist, haha – drastische Maßnahmen fordern, um diese Macht zu reduzieren. Was garantiert angeschafft wird, sind bundesweite und lokale Backups, die von euch unabhängig sind ;)
Ein mir sehr wichtiger Kritikpunkt ist noch, dass ihr, nachdem sich der Aufruhr beruhigt hat, zu einer Diskussion auf Twitter angeregt habt. Twitter eignet sich zum Nachrichtenverbreiten, aber nicht für Diskussionen. Wäre schön, wenn ihr eine andere Möglichkeit finden würdet. Auch hätte ich mir gewünscht, dass ihr anders als über Twitter erreichbar gewesen wärt, denn dann hätte ich euch den Link für diesen Brief persönlich überreichen können.
Was ich mir wünsche, was ihr aber sicherlich auch tun werdet, ist, falls und sobald ihr geht, alles Verwaltungstechnische ordentlich zu übergeben und nicht einfach die Server mitzunehmen.
Ein weiteres Problem stellen natürlich die Medienreaktionen dar. Ich bin zuversichtlich, den Leuten vor Ort diese Aktion als positiv verkaufen zu können, wenn ich danach gefragt werde, aber im Gegensatz zu den Medien decke ich nicht ganz Deutschland ab. Und dann gibt es noch die Piraten, die ihre Wut hierüber eventuell am Bürger auslassen, ganz schlecht.
Oder es kommen die, die erstmal darauf rumhacken, dass ihr kein Streikrecht habt und dabei vergessen, auf wessen (Zeit)Kosten ihr das alles macht: Auf eure!
Und dann ist natürlich noch die Frage, wie der Bundesvorstand, den ihr kritisiert habt, hierauf reagieren wird. Ich bitte diesen um Nachsicht.

Fazit: Es ist meiner Ansicht nach so, dass der Warnstreik uns Piraten ziemlich lahmgelegt hat, aber das ist ja auch der Sinn eines Streiks. Die Nachricht war das wichtige und wird sicherlich bei einigen das sein, was zuerst vergessen wird. Daher speichere ich eure Streikseite auf meinem Server ab und verlinkte darauf. Der wichtigste Streikpunkt aus meiner Sicht ist das bessere Untereinander der Piraten, aber die Gründe sollten nicht darauf reduziert werden, also bitte, liebe Leserschaft, lest es euch noch einmal durch, denn es ist wichtig. Sowohl für uns selbst als auch für die Zukunft der Piratenpartei und damit auch die Zukunft Deutschlands. Möge uns der 21.02.2014 als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem wir an unsere Grundwerte erinnert wurden.

Liebe Grüße
Stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes Rheinhessen
Sebastian Koch

Später gab es noch eine aktualisierte Seite, die ich mal hier gespeichert habe. Inzwischen ist der Streik vorbei.

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